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Überfremdung"

NS-kontaminiert
Von: Carl Alfred Schmid1, Willy Brandt, James Schwarzenbach, Björn Höcke
Datum: 29. November 2009 (Minarettverbotsinitiative in der Schweiz)

Nutzungshäufigkeit

Überfremdung"
Einordnung

Für diesen Begriff ist das typische Doppel-Gipfel-Muster (NS-Zeit → tabuisiert → Reaktivierung) in den Nutzungsdaten nicht eindeutig nachweisbar. Die Aufnahme stützt sich stattdessen auf die historische Provenienz, belegte Einzelverwendungen oder die ideologische Funktion — siehe Abschnitte „Hintergrund" und „Strategische Funktion".

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HintergrundDer Begriff "Überfremdung" wurde um 1900 von dem Schweizer Sozialfürsorger Carl Alfred Schmid geprägt, der vor einer "so hochgradigen Überfremdung der Schweiz" warnte. Während des Ersten Weltkriegs und danach erfuhr der Begriff eine rassistische Aufladung, insbesondere gegen jüdische Flüchtlinge. In der NS-Zeit wurde "Überfremdung" zu einem zentralen Element der rassistischen Propaganda, um die Ausgrenzung und Verfolgung von Minderheiten zu rechtfertigen. Nach 1945 verschwand der Begriff zunächst aus dem öffentlichen Diskurs, erlebte aber in den 1960er Jahren im Kontext der Anwerbung von Gastarbeitern eine Wiederbelebung, zunächst auch in Gewerkschaftskreisen. Seit den 1980er Jahren wird "Überfremdung" vor allem von der extremen Rechten verwendet, um gegen Einwanderung zu hetzen und eine vermeintliche Bedrohung der nationalen Identität zu beschwören. Die Verwendung des Begriffs dient oft als Vorwand für diskriminierende Maßnahmen und eine restriktive Einwanderungspolitik.
KontextDer Begriff "Überfremdung" wird heute vor allem von rechtspopulistischen und rechtsextremen Parteien und Gruppierungen verwendet, um Stimmung gegen Einwanderung und Vielfalt zu machen. In der Schweiz wurde der Begriff im Zusammenhang mit diversen Überfremdungsinitiativen verwendet, wie beispielsweise der Minarettverbotsinitiative vom 29. November 2009, die von SVP-Mitgliedern lanciert wurde und sich gegen Muslim:as richtete. Auch in Deutschland wird der Begriff regelmäßig von Akteuren der Neuen Rechten verwendet, um Ängste vor dem Verlust der nationalen Identität zu schüren und Ressentiments gegen Migranten zu mobilisieren. Politiker wie Björn Höcke (AfD) nutzen den Begriff, um eine vermeintliche Bedrohung der deutschen Kultur durch Zuwanderung zu beschwören. Die Verwendung des Begriffs dient oft als Vorwand für diskriminierende Maßnahmen und eine restriktive Einwanderungspolitik.
Einordnung

Der Begriff "Überfremdung" wurde im Nationalsozialismus gezielt eingesetzt, um rassistische Ideologien zu verbreiten und die Ausgrenzung und Verfolgung von Minderheiten zu legitimieren (Benz, Wolfgang: Was ist Antisemitismus? Bundeszentrale für politische Bildung, 2004). Die NS-Propaganda nutzte den Begriff, um Ängste vor einer angeblichen "Rassenschande" und dem Verlust der "Volksgesundheit" zu schüren (Aly, Götz: Hitlers Volkstaat. Raub, Rassenkrieg und nationaler Sozialismus. S. Fischer Verlag, 2005). Auch wenn der Begriff nicht ausschließlich im NS geprägt wurde, so wurde er doch in dieser Zeit ideologisch aufgeladen und rassistisch verzerrt, was ihn bis heute NS-kontaminiert macht (Wippermann, Wolfgang: Wer hat Angst vor dem Volkstod?. Eine Kritik des Überfremdungsdiskurses. Elefanten Press, 1997).

Strategische Funktion

1. ANGSTSCHÜRUNG: Der Begriff "Überfremdung" dient dazu, irrationale Ängste vor dem Verlust der nationalen Identität und kulturellen Eigenart zu schüren. Durch die Verwendung des Begriffs wird suggeriert, dass die Einwanderung von Ausländern eine existenzielle Bedrohung für die Mehrheitsgesellschaft darstellt.
2. AUSGRENZUNG: Der Begriff dient der Ausgrenzung von Migranten und Minderheiten. Indem sie als "fremd" und "überfremdend" dargestellt werden, werden sie zu Sündenböcken für gesellschaftliche Probleme gemacht und von der Teilhabe am gesellschaftlichen Leben ausgeschlossen.
3. MOBILISIERUNG: Der Begriff "Überfremdung" dient der Mobilisierung von Wählern und Anhängern für rechtspopulistische und rechtsextreme Parteien. Durch die Verbreitung von Angst und Ressentiments wird eine Stimmung erzeugt, die es diesen Parteien ermöglicht, ihre politischen Ziele durchzusetzen.

Quellen & Belege

Wikipedia-Artikel: Überfremdung
journalist.de — Überfremdung bpb.de — Die Bundesrepublik Deutschland -ein unerklärtes Einwanderungsland ch-studien.uni.wroc.pl — Die Überfremdung hat nicht stattgefunden idz-jena.de — Zwischen Ein- und Ausschluss der ‚Anderen‘ gra.ch — Überfremdung vorwaerts.de — Die Lüge von der Überfremdung ms.niedersachsen.de — Strukturell und atmosphärisch - Einwanderungshemmnisse in Deutschland Wagner, Andreas (2010): Das „Heidelberger Manifest“ von 1981: Deutsche Professoren warnen vor „Überfremdung des deutschen Volkes“ Wikipedia: Kategorie Sprache des Nationalsozialismus bpb: Vokabeln im Nationalsozialismus Campact Blog: Nazi-Sprech WirtschaftsWoche: Nazi-Wörter Wikipedia: Sprache des Nationalsozialismus Geschichte Abitur: Sprache im Nationalsozialismus Chrismon: AfD-Sprache zeigt Nähe zum Rechtsextremismus Wikipedia: Glossary of Nazi Germany Spiegel Online: Wie die AfD unsere Sprache nach rechts verschiebt Esquire: Vorsicht, Nazi-Vokabular! Matthias Heine: Verbrannte Wörter (Vortrag) Matthias Heine: Verbrannte Wörter (Transkript/36c3) bpb: Zehn Stigmavokabeln SRF Kultur: Wörter des Grauens Wikipedia: Nazi-Vergleich Babbel Magazin: Rassistische Wörter und Redewendungen Focus Online: Nazi-Sprache Deutschlandfunk: Die Sprache der AfD Rolling Planet: Vorsicht vor Wörtern aus der NS-Zeit Wikipedia: Liste rechtsextremer Kampfbegriffe Zeit Online: NS-Rhetorik der AfD Heuler Magazin: Redewendungen aus der Nazi-Zeit
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