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Sonderbehandlung"

NS-Vokabular
Von: Reinhard Heydrich1 (NSDAP), Emil Mazuw (SS), Robert Mulka (SS)
Datum: 20.09.1939

Nutzungshäufigkeit

Sonderbehandlung"
Das „Nazisprech"-Kriterium

Dieser Graph zeigt das Wiederaufleben eines historisch belasteten Begriffs: populär während der NS-Diktatur (1933–1945), nach 1945 tabuisiert, bis zur belegten Reaktivierung durch rechtsextreme Akteure in der jüngeren Gegenwart. Dieses Doppel-Gipfel-Muster ist unser Kernkriterium.

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HintergrundDer Begriff "Sonderbehandlung" existierte bereits vor dem Nationalsozialismus, erfuhr aber unter der NS-Herrschaft eine radikale Umdeutung. Ab 1939 wurde er systematisch als Tarnbezeichnung für die Ermordung von Menschen eingesetzt, insbesondere im Kontext der "Euthanasie"-Programme und der "Endlösung der Judenfrage". Nach 1945 wurde der Begriff zunächst vor allem im Kontext der Aufarbeitung der NS-Verbrechen verwendet. Heutzutage wird der Begriff meist in seiner ursprünglichen Bedeutung verwendet, jedoch mahnen Experten zur Vorsicht, da die NS-Belastung weiterhin präsent ist. Die Verwendung des Begriffs kann als Verharmlosung der NS-Verbrechen wahrgenommen werden, insbesondere wenn er im Zusammenhang mit Gruppen oder Personen verwendet wird, die von den Nationalsozialisten verfolgt wurden.
KontextDer Begriff "Sonderbehandlung" wurde im Nationalsozialismus als Tarnbezeichnung für die Ermordung von Menschen verwendet. Erstmals tauchte er in einem Runderlass von Reinhard Heydrich1, dem Chef der Sicherheitspolizei und des Sicherheitsdienstes, vom 20. September 1939 an alle Staatspolizeistellen auf. Darin wurde die "Sonderbehandlung" als Mittel zur Bekämpfung der "Wehrkraftzersetzung" angeordnet, was in der Praxis Exekutionen bedeutete. Später wurde der Begriff in Konzentrationslagern und Vernichtungslagern verwendet, um die systematische Tötung von Häftlingen zu verschleiern. Zeugenaussagen von NS-Tätern wie Emil Mazuw und Robert Mulka bestätigen, dass "Sonderbehandlung" in SS-Kreisen als Euphemismus für "Liquidierung" oder "Mord" verstanden wurde. Die Verwendung des Begriffs diente dazu, die Gräueltaten des NS-Regimes zu verschleiern und die Täter von ihrer Verantwortung zu entlasten.
NS-Nachweis

Der NS-Nachweis für den Begriff "Sonderbehandlung" ist durch zahlreiche historische Dokumente und Zeugenaussagen belegt. Reinhard Heydrichs Erlass vom 20. September 1939 gilt als frühester Beleg für die Verwendung des Begriffs als Tarnbezeichnung für Exekutionen (siehe Gutachten des Instituts für Zeitgeschichte, Band 2, Artikel von Hellmuth Auerbach). Die Aussagen von SS-Tätern wie Emil Mazuw und Robert Mulka in Nachkriegsprozessen bestätigen die Bedeutung von "Sonderbehandlung" als Euphemismus für Mord (siehe GRA Stiftung gegen Rassismus und Antisemitismus). Matthias Heine analysiert in seinem Buch «Verbrannte Wörter» die NS-Konnotation des Begriffs. Die Bundeszentrale für politische Bildung (bpb.de) führt "Sonderbehandlung" als eine von zehn Stigmavokabeln auf.

Strategische Funktion

1. FUNKTION: Verschleierung der NS-Verbrechen: Der Begriff diente dazu, die tatsächlichen Gräueltaten des NS-Regimes zu verschleiern und die Täter von ihrer Verantwortung zu entlasten. Durch die Verwendung eines harmlos klingenden Begriffs sollte die Öffentlichkeit über die wahren Absichten getäuscht werden.
2. FUNKTION: Entmenschlichung der Opfer: Die Verwendung des Begriffs trug zur Entmenschlichung der Opfer bei, indem sie zu bloßen Objekten einer "Sonderbehandlung" degradiert wurden. Dies erleichterte es den Tätern, die Verbrechen zu begehen, ohne Schuldgefühle zu empfinden.
3. FUNKTION: Normalisierung von Gewalt: Durch die Verwendung des Begriffs wurde Gewalt normalisiert und als legitimes Mittel zur Durchsetzung politischer Ziele dargestellt. Dies trug dazu bei, eine Kultur der Gewalt und des Terrors zu schaffen, in der Menschenrechte keine Rolle spielten.

Quellen & Belege

Wikipedia-Artikel: Sonderbehandlung
bpb.de — Zehn Stigmavokabeln (Artikel) wiwo.de — Welche Nazi-Wörter uns im Alltag begleiten (Artikel) infosperber.ch — Die NZZ greift in den Giftschrank des NS-Jargons (Artikel) deutschlandfunkkultur.de — Wie die Wortschöpfungen der Nazis weiterleben (Artikel) ns-euthanasie.de — Sonderbehandlung (Artikel) gra.ch — Sonderbehandlung (Glossareintrag) aggb-katalog.de — Der Begriff "Sonderbehandlung" im Sprachgebrauch der SS (Artikel) Gutachten des Instituts für Zeitgeschichte - Band 2 (Buch) Wikipedia: Kategorie Sprache des Nationalsozialismus bpb: Vokabeln im Nationalsozialismus Campact Blog: Nazi-Sprech Wikipedia: Sprache des Nationalsozialismus Geschichte Abitur: Sprache im Nationalsozialismus Chrismon: AfD-Sprache zeigt Nähe zum Rechtsextremismus Wikipedia: Glossary of Nazi Germany Spiegel Online: Wie die AfD unsere Sprache nach rechts verschiebt Esquire: Vorsicht, Nazi-Vokabular! Matthias Heine: Verbrannte Wörter (Vortrag) Matthias Heine: Verbrannte Wörter (Transkript/36c3) SRF Kultur: Wörter des Grauens Wikipedia: Nazi-Vergleich Babbel Magazin: Rassistische Wörter und Redewendungen Focus Online: Nazi-Sprache Deutschlandfunk: Die Sprache der AfD Rolling Planet: Vorsicht vor Wörtern aus der NS-Zeit Wikipedia: Liste rechtsextremer Kampfbegriffe Zeit Online: NS-Rhetorik der AfD Heuler Magazin: Redewendungen aus der Nazi-Zeit
1 Person mit 1 belegter Erwähnung
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